Dr. Armin Khonsari

Supplements / Lithium / Lithium & Demenz

Was ist passiert? → Was zeigt die Studie tatsächlich → Was die übrigen Erkenntnisse aussagen → Was meiner Meinung nach die derzeitigen Erkenntnisse rechtfertigen → Praktische Konsequenzen → Quellen

Lithium und Alzheimer: Wie stark ist die Evidenz wirklich?

Was Humanstudien, Trinkwasserdaten und die neue LATTICE-Studie über eine mögliche Rolle von Lithium für die Gehirngesundheit zeigen.

armin2

Dr. Armin Khonsari

/ 16. Sep 2026

Was macht Lithium für die Alzheimer-Forschung eigentlich interessant?

Lithium und Alzheimer, auf den ersten Blick ist das eine eher ungewöhnliche Kombination. Lithium kennt man vor allem als Medikament zur Behandlung bipolarer Erkrankungen. Dass das Element auch für die Gesundheit des Gehirns im Alter eine Rolle spielen könnte, wird allerdings schon seit Jahren untersucht.

Besonders viel Aufmerksamkeit bekam das Thema 2025 durch eine Studie, die in Nature veröffentlicht wurde. Die Forscher untersuchten unter anderem Gehirngewebe von Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung und Alzheimer. Dabei fiel Lithium besonders auf. Von 27 untersuchten Metallen war es das einzige, das bei Alzheimer deutlich reduziert war. Sogar bei Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI), einer Vorstufe von Alzheimer, war der Lithium-Mangel zu beobachten.

Noch interessanter war die Frage, warum das Lithium im Gehirn fehlte. Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass Amyloid-Ablagerungen im Gehirn Lithium binden und es damit dem umliegenden Hirngewebe entziehen. In anschließenden Experimenten an Mäusen zeigte sich zudem, dass ein Lithiummangel Alzheimer-typische Veränderungen verstärken konnte.

Damit wäre Lithium nicht einfach nur ein Wirkstoff, es könnte in sehr kleinen Mengen eine normale biologische Funktion im Gehirn erfüllen und ein Mangel könnte möglicherweise selbst Teil des Krankheitsprozesses sein.

Aber zwischen einem überzeugenden biologischen Mechanismus und einer wirksamen Prävention beim Menschen liegt ein großer Unterschied. Interessanterweise gibt es inzwischen eine Reihe von Humanstudien zu Lithium und kognitivem Abbau, darunter seit 2026 auch neue Daten aus einer randomisierten klinischen Studie.

Was Studien am Menschen zeigen.

Tatsächlich gibt es schon länger Hinweise darauf, dass selbst sehr geringe Mengen Lithium mit dem Demenzrisiko zusammenhängen könnten. Ein besonders interessantes Beispiel stammt aus Dänemark. Dort unterscheidet sich die natürliche Lithiumkonzentration im Trinkwasser von Region zu Region. Forschende nutzten diese Unterschiede für eine große Studie mit mehr als 800.000 Menschen und rekonstruierten, wie viel Lithium sie über viele Jahre wahrscheinlich mit dem Wasser aufgenommen hatten.

In den Regionen mit den höchsten Lithiumkonzentrationen trat Demenz seltener auf als dort, wo besonders wenig Lithium im Trinkwasser enthalten war. Der Unterschied lag bei etwa 17 Prozent. Ein ähnliches Muster zeigte sich auch, wenn Alzheimer und vaskuläre Demenz getrennt betrachtet wurden.

Ganz geradlinig war der Zusammenhang allerdings nicht. Bei mittleren Lithiumkonzentrationen war die Demenzrate teilweise sogar höher. Von einem einfachen Prinzip nach dem Motto „je mehr Lithium, desto besser“ kann also keine Rede sein.

Hinzu kommt eine grundsätzliche Einschränkung solcher Beobachtungsstudien. Sie können zeigen, dass zwei Dinge miteinander zusammenhängen, aber nicht, ob das eine tatsächlich das andere verursacht. Menschen in verschiedenen Regionen unterscheiden sich schließlich nicht nur durch ihr Trinkwasser. Trotzdem ist der Befund bemerkenswert, weil es hier nicht um medizinische Lithiumdosen ging, sondern um Spuren, die natürlicherweise im Wasser vorkommen.

Um näher an einen möglichen ursächlichen Effekt heranzukommen, braucht man randomisierte kontrollierte Studien. Dabei entscheidet der Zufall, wer eine Behandlung und wer ein Placebo bekommt. Dadurch sollen sich die beiden Gruppen möglichst nur noch in einem Punkt unterscheiden, nämlich in der Behandlung selbst.

Eine solche Studie begann 2009 in São Paulo. 61 ältere Menschen mit amnestic mild cognitive impairment, kurz MCI, erhielten entweder Lithiumcarbonat oder ein Placebo. Bei einer MCI sind Gedächtnis oder andere geistige Fähigkeiten bereits messbar beeinträchtigt, ohne dass schon eine Demenz vorliegen muss. Eine amnestische MCI betrifft besonders das Gedächtnis und kann einer Alzheimer-Erkrankung vorausgehen, muss aber nicht zwangsläufig in eine Demenz übergehen.

Die Forschenden verwendeten Lithium bewusst in niedrigeren Konzentrationen als bei der klassischen psychiatrischen Behandlung. Nach zwei Jahren hatte sich die kognitive und alltägliche Funktionsfähigkeit der Placebogruppe verschlechtert. Die Lithiumgruppe blieb dagegen im Mittel stabil. Auch bei einzelnen Tests für Gedächtnis und Aufmerksamkeit schnitt sie besser ab.

Interessant waren außerdem Veränderungen im Nervenwasser. Dort lassen sich Biomarker messen, also biologische Merkmale, die Hinweise auf Krankheitsprozesse geben können. Nach drei Jahren war unter Lithium unter anderem die Konzentration von Amyloid-β42 verändert, einem Peptid, das eng mit der Alzheimer-Erkrankung verbunden ist. Die Autoren sahen darin zusammen mit den klinischen Ergebnissen einen Hinweis darauf, dass Lithium möglicherweise in den Krankheitsprozess selbst eingreifen könnte.

Auch bei der Entwicklung einer Demenz zeigte sich ein Unterschied. Fünf der 31 Teilnehmer aus der Lithiumgruppe entwickelten im Studienverlauf eine Demenz, in der Placebogruppe waren es neun von 30. Für einen belastbaren Nachweis war die Studie allerdings zu klein und der Unterschied statistisch nicht eindeutig.

Damit war die Geschichte dieser Studie noch nicht zu Ende. Mehr als ein Jahrzehnt später suchte die Forschungsgruppe erneut nach den damaligen Teilnehmern.

Im Durchschnitt waren inzwischen knapp 14 Jahre seit Beginn der ursprünglichen Studie vergangen. Von den 61 Teilnehmern konnten noch 36 erreicht werden. Die Personen, die damals Lithium bekommen hatten, schnitten bei Tests der allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit und der sprachlichen Wortflüssigkeit deutlich besser ab als die ehemalige Placebogruppe. Die Unterschiede waren erstaunlich groß.

Gerade wegen dieses langen Zeitraums ist das Ergebnis ungewöhnlich. Gleichzeitig wird die Interpretation schwieriger. Ein erheblicher Teil der ursprünglichen Teilnehmer konnte nicht mehr untersucht werden, und ehemalige Lithiumteilnehmer wurden häufiger wiedergefunden als Teilnehmer der Placebogruppe. Damit lässt sich nicht ausschließen, dass sich die beiden Gruppen nach so vielen Jahren auch aus anderen Gründen unterschieden. Das Follow-up liefert also einen bemerkenswerten Langzeithinweis, aber keinen Beweis für einen anhaltenden Schutzeffekt.

2026 kam mit der amerikanischen LATTICE-Studie ein weiteres Puzzlestück hinzu. 80 ältere Menschen mit MCI erhielten zwei Jahre lang niedrig dosiertes Lithiumcarbonat oder Placebo. Neben der kognitiven Leistung untersuchten die Forschenden auch Veränderungen des Gehirns mit MRT-Aufnahmen.

Auf den ersten Blick fiel das Ergebnis eher ernüchternd aus. Für die sechs im Voraus festgelegten primären Endpunkte, also die wichtigsten Messgrößen der Studie, konnte kein statistisch ausreichend sicherer Vorteil von Lithium gezeigt werden. Damit war die Studie formal nicht positiv.

Ganz ohne Signal blieb sie jedoch nicht. Bei einem Test des verbalen Gedächtnisses nahm die Leistung unter Lithium nur etwa halb so stark ab wie unter Placebo. Der Unterschied war auffällig, erreichte aber nicht die strengere statistische Schwelle, die die Forschenden vor Beginn der Auswertung festgelegt hatten. Das ist ein wichtiger Unterschied. Das Ergebnis ist nicht bedeutungslos, aber es reicht auch nicht aus, um einen Effekt als gesichert anzusehen.

Hinzu kommt ein Detail des Studiendesigns, das für die Interpretation relevant ist. MCI kann viele Ursachen haben. Nur etwa ein Viertel der Teilnehmer hatte in der LATTICE-Studie tatsächlich nachweisbare Amyloidablagerungen und damit einen biologischen Hinweis auf Alzheimer. In einer zusätzlichen Auswertung waren die Unterschiede beim verbalen Gedächtnis und beim Hippocampus, einer für das Gedächtnis wichtigen Hirnregion, in dieser amyloidpositiven Gruppe größer. Die Gruppe war allerdings sehr klein, sodass daraus noch keine verlässliche Schlussfolgerung gezogen werden kann. Die Autoren selbst halten es für möglich, dass der hohe Anteil von Teilnehmern ohne Alzheimer-Pathologie einen potenziellen Effekt abgeschwächt hat.

Die LATTICE-Studie widerspricht den früheren Ergebnissen deshalb nicht einfach. Sie zeigt vielmehr, wie unvollständig das Bild noch ist. Die Studie war als Pilotstudie angelegt und damit nicht groß genug, um kleinere oder moderate Effekte zuverlässig nachzuweisen. Sie liefert neue Hinweise, aber vor allem auch eine Grundlage dafür, wie eine größere Studie künftig aufgebaut werden müsste. Genau solche Studien werden nötig sein, um zu klären, ob Lithium den kognitiven Abbau bei einer frühen Alzheimer Erkrankung tatsächlich verlangsamen kann.

Wie ich die Evidenz einordne.

Für mich verändert die aktuelle Forschung vor allem eine grundsätzliche Frage. Lithium wurde lange hauptsächlich als Medikament betrachtet. Die neuen Daten sprechen aber dafür, dass die sehr kleinen Mengen Lithium, die natürlicherweise in unserem Körper und Gehirn vorkommen, selbst eine biologische Funktion haben könnten.

Wie wichtig diese Funktion tatsächlich ist, wissen wir noch nicht. Die Nature-Studie liefert dafür aber ungewöhnlich starke mechanistische Hinweise. Wird körpereigenes Lithium bei Mäusen reduziert, verstärken sich mehrere für Alzheimer typische Veränderungen. Dazu gehören Amyloid-Ablagerungen, phosphoryliertes Tau und entzündliche Veränderungen der Mikroglia. Gleichzeitig verschlechtert sich die kognitive Leistung. Die Effekte betreffen also nicht nur einen einzelnen Signalweg.

Auch beim Menschen passt ein Teil des Bildes dazu. Bereits bei Menschen mit milder kognitiver Beeinträchtigung war in betroffenen Hirnregionen weniger Lithium verfügbar. Gleichzeitig sammelte sich Lithium in Amyloid-Plaques an. Das wirft eine interessante Frage auf: Ist der Lithiummangel eine Ursache der Erkrankung oder eine Folge der beginnenden Alzheimer-Pathologie?

Möglicherweise ist diese Trennung sogar zu einfach. Amyloid könnte Lithium aus dem umliegenden Gewebe binden und damit zunächst einen lokalen Mangel erzeugen. Wenn dieser Mangel wiederum Prozesse verstärkt, die Amyloid und Tau fördern, könnte daraus eine Art Rückkopplung entstehen.

Auch die Humanstudien passen zumindest teilweise in dieses Bild. Epidemiologische Untersuchungen finden Zusammenhänge zwischen der langfristigen Lithiumaufnahme und dem Demenzrisiko. Kleinere klinische Studien liefern Hinweise auf einen langsameren kognitiven Abbau. Gleichzeitig sind die Ergebnisse noch nicht eindeutig genug, um daraus eine gesicherte präventive Wirkung abzuleiten.

Für mich ist deshalb vor allem entscheidend, welche Studien jetzt folgen. Wir brauchen größere Untersuchungen über längere Zeiträume und möglichst bei Menschen, bei denen eine Alzheimer-Pathologie biologisch bestätigt ist. Moderne Biomarker könnten dabei helfen, beispielsweise Amyloid-PET oder Blutmarker wie p-tau217. Die LATTICE-Autoren weisen selbst darauf hin, dass zukünftige Studien mit solchen Biomarkern gezielter Menschen mit tatsächlicher Alzheimer-Pathologie einschließen könnten.

Besonders interessant wären außerdem klinische Studien mit Lithiumorotat. Die bisherigen Humanstudien verwendeten Lithiumcarbonat. In der Nature-Studie wurde Orotat in den Mausmodellen dagegen weniger stark von Amyloid gebunden und zeigte deutlichere Effekte. Ob sich dieser Unterschied auch beim Menschen bestätigt, wissen wir bislang nicht.

Mein derzeitiger Eindruck ist deshalb nicht, dass Lithium Alzheimer verhindert. Dafür reicht die Evidenz nicht. Aber ich halte es inzwischen für sehr plausibel, dass kleine Mengen Lithium eine bisher unterschätzte Rolle für die langfristige Gesundheit des Gehirns spielen.

Was bedeutet das praktisch?

Wenn Lithium in sehr kleinen Mengen tatsächlich eine biologische Funktion im Gehirn hat, wird auch die Frage nach einer ausreichenden Aufnahme relevant. Bislang lässt sich allerdings nicht sagen, wie viel dafür nötig wäre. Eine offizielle Zufuhrempfehlung gibt es nicht.

Für mich ist die Forschung trotzdem inzwischen weit genug, Lithium nicht mehr nur als Medikament zu betrachten. Es spricht einiges dafür, dass bereits sehr geringe Mengen biologisch relevant sein könnten. Praktisch interessant wird damit auch, wie viel Lithium wir ohnehin aufnehmen und welche Größenordnungen überhaupt relevant sein könnten.

Diese praktische Seite vertiefe ich in meinem Lithium Supplement Guide. Dort geht es unter anderem darum, wie viel Lithium wir über Nahrung und Wasser aufnehmen, was man über mögliche Nebenwirkungen wissen sollte und ob sich sehr niedrige Lithiumwerte im Körper sinnvoll messen lassen. So kannst du auf Grundlage der aktuellen Evidenz selbst entscheiden, ob Lithium für dich eine Rolle spielen könnte.

P.S. Du willst tiefer einsteigen und wissen, welche Supplements für ein langes, gesundes Leben wirklich durch Studien gestützt sind? In meinem Lithium Supplement Guide habe ich die Evidenz für dich aufbereitet. 

Quellen

[1] Aron L, Ngian ZK, Qiu C, et al. (2025). Lithium deficiency and the onset of Alzheimer’s disease. Nature, 645(8081), 712–721. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09335-x

[2] Kessing LV, Gerds TA, Knudsen NN, et al. (2017). Association of lithium in drinking water with the incidence of dementia. JAMA Psychiatry, 74(10), 1005–1010. https://doi.org/10.1001/ jamapsychiatry.2017.2362

[3] Forlenza OV, Radanovic M, Talib LL, Gattaz WF. (2019). Clinical and biological effects of long-term lithium treatment in older adults with amnestic mild cognitive impairment: randomised clinical trial. The British Journal of Psychiatry, 215(5), 668–674. https://doi.org/10.1192/ bjp.2019.76

[4] Damiano RF, Loureiro JC, Pais MV, et al. (2023). Revisiting global cognitive and functional state 13 years after a clinical trial of lithium for mild cognitive impairment. Brazilian Journal of Psychiatry, 45(1), 46–49. https://doi.org/10.47626/1516-4446-2022-2767

[5] Gildengers AG, Ibrahim TS, Anderson SJ, et al. (2026). Low-Dose Lithium for Mild Cognitive Impairment: A Pilot Randomized Clinical Trial. JAMA Neurology, 83(4), 310–319. https://doi.org/ 10.1001/jamaneurol.2026.0072

Hinweis: Die Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Bildung. Sie stellen keine individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar und ersetzen nicht die Beratung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine andere qualifizierte medizinische Fachperson.

Nach oben scrollen